Kurz vor Weihnachten tauchte auf allen großen Streaming-Plattformen – Spotify, Amazon Music, Apple Music/iTunes, Deezer und YouTube – ein vermeintlich neues Album des Dresdner Kreuzchors auf: „Frohe Weihnacht“ (vermeintliche VÖ 09./10.12.2025). Für Sekunden war die Freude groß, doch der Eindruck kippte schnell.
Erste Hörprobe: KI statt Knabenchor
Schon die ersten Takte irritieren: poppig, weihnachtlich, jung – aber ohne die charakteristische Klangfarbe des Chors. Deezer weist selbst auf KI-generierte Inhalte hin. Geübte Ohren merken: Das ist synthetisch, das ist KI. Kurz: Der Dresdner Kreuzchor hat mit diesen Titeln nichts zu tun.
Offizielle Distanzierung & erster Hinweis aus Social Media
Im Reddit-Sub „r/Dresden“ machten Nutzer den Fund öffentlich und diskutierten ihn. Dort findet sich auch die Klarstellung des Chores: Es handelt sich nicht um Inhalte des Kreuzchors; man gehe dagegen vor.
Die betroffenen Stücke erinnern teils eher an gängige Pop-Weihnachtsproduktionen – in der Sächsischen Zeitung wurden u. a. Helene Fischer oder die Dresdner A-cappella-Band medlz als stilistische Referenzen genannt (ohne tatsächliche Beteiligung).
Quelle: Bericht in der Sächsischen Zeitung (kostenpflichtiger Link).
Spur führt zu Zebralution – und damit zur GEMA-Mehrheitstochter
Auf YouTube wird als Urheber teils der offizielle Kreuzchor ausgewiesen; im Beschreibungstext heißt es jedoch: „Provided to YouTube by Zebralution GmbH“.
Die Zebralution GmbH stellt als Digitalvertrieb Schnittstellen u. a. zu YouTube, Apple, Amazon und Spotify bereit und gehört mehrheitlich zur GEMA. Das legt nahe: Über diese Schnittstelle könnte KI-Müll („KI-Slop“) unter falscher Flagge auf den Plattformen gelandet sein.
Anfragen an Zebralution blieben zum Zeitpunkt der Veröffentlichung unbeantwortet. Die GEMA hat eine Antwort angekündigt.
Einordnung: KI-Slop als Symptom eines größeren Problems
KI-Slop – massenhaft generierte KI-Audios, -Bilder, -Videos – flutet Feeds und Kataloge großer Plattformen. Ein wirklich großartiges Video zum Phänomen KI-Slop insbesondere auf der Video-Plattform Sora hat Casey Neistat veröffentlicht.
Wenn nun ausgerechnet Rechtewächter bzw. deren Beteiligungen unfreiwillig zur Verbreitung beitragen, wirkt das wie ein Bock, der den Gartenzaun hält: formal für Schutz zuständig, praktisch aber Teil des Einfallstors.
Für Social Media bedeutet das:
- Falsche Zuschreibungen verbreiten sich rasch, das ist nicht neu.
- Marken, Ensembles und Kulturinstitutionen müssen schneller reagieren.
- Transparente Labeling- und Takedown-Prozesse werden zum Pflichtprogramm.
Was jetzt wichtig ist – aus Sicht von Institutionen
- Monitoring aufsetzen: Suchabos/Alerts für Ensemble-/Markennamen auf Plattformen und in Social Media.
- Beweissicherung & Takedown: Screenshots, Links, Zeitstempel; Rechte geltend machen.
- Klar kommunizieren: Kurzes Statement auf Website und Social Media.
- Metadaten & Fingerprints stärken: Offizielle Releases klar kennzeichnen, Echtheitsmerkmale (z. B. ISRC, Label-Infos) konsistent führen.
Hintergrund zu Zebralution
Zebralution selbst schreibt laut Geschäftsbericht (via Northdata) rote Zahlen und beschreibt sein Geschäft als „digitaler Vertrieb von Musik, Hörbüchern und Podcasts im In- und Ausland“ inklusive Beratung und Management.
Eine Stellungnahme des Unternehmens steht aus.
Fazit
Der Fall zeigt, wie schnell KI-Slop reale Kulturmarken trifft – selbst ein Aushängeschild wie der Dresdner Kreuzchor. Plattformen, Distributoren und Rechteinhaber müssen verlässliche Prüf-, Melde- und Kennzeichnungsprozesse etablieren.
Fake-Songs auf Plattformen entfernt
Update 11.12. Uhr: nach mehreren Hinweisen sind die KI-Titel bei YouTube, Spotify, Deezer Apple und Amazon Music entfernt worden. Die GEMA hat zudem auf meine Anfrage weitere Informationen geteilt.
GEMA prüft Vorgang und lässt Titel entfernen
Inzwischen liegt mir eine Stellungnahme einer GEMA-Sprecherin vor. Ich veröffentliche diese hier im Volltext:
Auf Streaming-Plattformen ist ein Weihnachtsalbum unter der offensichtlich falschen Verwendung des Namens „Dresdner Kreuzchor“ erschienen. Die Zebralution GmbH hat auf Bitte der GEMA unmittelbar gehandelt und den fraglichen Titel umgehend von allen Plattformen entfernt. Aktuell wird geprüft, wie es zu diesem Sachverhalt kommen konnte.
Die Zebralution GmbH ist ein digitaler Vertrieb: Sie verbreitet im Auftrag von Labels, Produzenten, Verlagen und anderen Rechteinhabern deren Tonaufnahmen über Streaming- und Downloadplattformen. Zebralution produziert keine eigenen Musikaufnahmen und ist nicht originärer Rechteinhaber des betroffenen Repertoires. Für die hochgeladenen Inhalte ist sie nicht verantwortlich und ist auf die einwandfreie Zulieferung von Musikaufnahmen durch ihre Kunden angewiesen.
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Um eine missbräuchliche Verwendung ihrer Services zu verhindern, führt Zebralution vor dem Vertrieb von Musikaufnahmen an Streaming-Plattformen eine Qualitätssicherung durch. Dafür nutzt sie die nach heutigem technischem Stand möglichen Maßnahmen (z.B. Audible Magic Audio Check, Curated Artist Checks), um die urheberrechtliche Korrektheit von Musikstücken zu überprüfen.Die GEMA als Verwertungsgesellschaft hält Gesellschaftsanteile an der Zebralution GmbH. Diese ist ein eigenständig agierendes Unternehmen und handelt im Auftrag ihrer Kunden.
Die GEMA vertritt als Verwertungsgesellschaft die Urheberrechte von über 100.000 Komponistinnen und Komponisten, Textdichterinnen und Textdichtern sowie Musikverlagen. Jede unautorisierte Nutzung von Namen, Aufnahmen oder Werken – gleich ob unter Einsatz von KI oder anderer Technologien – widerspricht diesem Auftrag und wird nicht toleriert.
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Unabhängig von diesem konkreten Fall beobachtet die GEMA die Entwicklung Künstlicher Intelligenz im Musikbereich sehr aufmerksam und setzt sich auch vor Gericht für die Urheberrechte ihrer Mitglieder in diesem Kontext ein. Für die GEMA ist klar: Der Einsatz neuer Technologien muss stets im Einklang mit dem Urheberrecht stehen und die schöpferische Leistung der Urheberinnen und Urhebern respektieren.
Wenn du für dich und dein Team Input in Sachen Social Media und KI wünscht, kontaktiere mich gern für eure Social Media Weiterbildung in Dresden 2026.

